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Die norwegisch-deutsche Willy-Brandt-Stiftung

Norwegische Künstler in Berlin unter der Lupe, deutsche Schüler am Gymnasium in Oslo, Jugendliche aus Edemissen und Elverum beim gemeinsamen Konfliktlotsenprojekt und ein norwegischer Film über den Sandmann als sozialistischer Supermann...

Die Willy-Brandt-Stiftung und die von ihr geförderten Projekte sind ein lebendiges und vielgestaltiges Beispiel für die engen und guten Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland. Bereits seit fünf Jahren arbeitet die Stiftung dafür, im Geiste Willy Brandts zur gesellschaftlichen Erneuerung und Vertiefung der Beziehungen beider Länder beizutragen sowie durch langfristige Arbeit das gegenseitige Verständnis in beiden Ländern zu fördern.

Zwei norwegische Bauern sitzen schweigend bei einer Flasche Aquavit und haben sie bereits halb geleert. Da sagt der eine plötzlich: Skål! Der andere daraufhin: Willst du nun saufen oder willst du reden? So lautete der Lieblingswitz Willy Brandts über die bedächtigen, eigenbrötlerischen Norweger, den er oft und, als Meister im Variieren, in verschiedensten Fassungen erzählt hat. Damit leitet Peter Merseburger in seiner 2002 erschienenen Biographie über Willy Brandt das Kapitel 'Norwegische Spuren' ein. Von diesen gibt es viele im Leben Willy Brandts, denn der ehemalige Bundeskanzler und Parteivorsitzende der SPD und Namensgeber der Stiftung verbrachte die Jahre von 1933 bis 1940 im Exil in Norwegen. Diese Jahre haben ihn eng mit diesem Land, seinen Menschen und seiner Sprache verbunden – Brandt sprach fließend Norwegisch.

Norwegen war nicht nur das Land, in dem Brandt lebte, sondern in dem er durch seine Arbeit für den antifaschistischen Widerstand Erfahrungen gewann, die ihn für seine spätere politische Tätigkeit in Deutschland prägten. Brandt engagierte sich für die norwegisch-deutschen Beziehungen und die Versöhnung der beiden Länder nach dem 2. Weltkrieg. Frieden und Versöhnung zwischen den Völkern waren für ihn das zentrale Thema. Auch in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises am 11.12.1971 in Oslo kommt die Aufforderung zum Frieden zum Ausdruck: Ich meine, neben vernünftiger Politik ist Lernen in unserer Welt die eigentlich glaubhafte Alternative zur Gewalt.

Dem Gedanken, dass Lernen und Verständigung den Frieden fördern, fühlt sich auch die Norwegisch-Deutsche Willy-Brandt-Stiftung verpflichtet. Ihre Leitidee ist es, Menschen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Aufgabenfeldern zu erreichen und zusammenzubringen. Denn freundschaftliche Beziehungen können nur dann entstehen, wenn aus dem Nebeneinander ein Miteinander wird. Hintergrund für die Gründung der Stiftung im Jahre 2000 ist ein erneutes und verstärktes Engagement der damaligen norwegischen Regierung für die deutsch-norwegischen Beziehungen. Eine lange Tradition guter bilateraler Beziehungen, wichtige wirtschaftliche Kontakte zwischen Norwegen und Deutschland, aber auch die Feststellung, dass insbesondere bei norwegischen Jugendlichen und Studierenden das Interesse für die deutsche Sprache und Deutschland abnahm, führten zu der Überzeugung, dass das Land sich Deutschland noch einmal neu und mit besonderer Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Im Rahmen der Deutschlandstrategie des norwegischen Außenministeriums wurde daraufhin vorgeschlagen, eine Norwegisch-Deutsche Willy-Brandt-Stiftung zur Förderung der beiderseitigen Beziehungen zu gründen.

Diese Idee wurde im Jahr 2000 endgültig realisiert, parallel die Norwegisch-Deutsche Willy-Brandt-Stiftung mit Sitz in Oslo und der gemeinnützige Verein zur Förderung der Norwegisch-Deutschen Willy Brandt-Stiftung e.V. in Berlin ins Leben gerufen. Stiftung und Verein haben einen gemeinsamen Vorstand. Sie werden von einem Beirat unterstützt, dem auch die Sponsoren der Stiftung angehören. Das Ziel der Stiftung ist es, gegenseitige Kenntnisse über das gesellschaftliche Leben, die Kultur und die Sprache in beiden Ländern zu vermitteln, den Dialog zwischen Gruppen der norwegischen und der deutschen Gesellschaft zu fördern und Repräsentanten, führende Mitarbeiter und Nachwuchskräfte in Wirtschaft und Gesellschaft sowie Multiplikatoren für einen intensiven und beständigen Erfahrungsaustausch zusammenzubringen. Das besondere Augenmerk liegt darauf, gerade bei jungen Menschen das Interesse an Norwegen und Deutschland zu wecken.

Um diesem Ziel gerecht zu werden, konzentriert sich die Arbeit der Stiftung auf mehrere Bereiche. So fördert sie beispielsweise den Austausch von Schülerinnen und Schülern beider Länder mit Schülerstipendien. Neben den Austauschstipendien vergibt die Stiftung auch Praktikantenstipendien, Reise- und Aufbaustipendien. Des Weiteren veranstaltet und fördert die Stiftung Seminare und Veranstaltungen des wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Dialogs sowie künstlerische und Forschungsaktivitäten, die die Idee der Stiftung unterstützen. Jedes Jahr wird außerdem der Willy-Brandt-Preis für verdienstvolle Arbeit zu den Beziehungen der beiden Länder verliehen.

Wissen über und das Leben in einem fremden Land bringt uns diesem näher und macht es zu einem Freundesland, wie es Willy Brandts norwegische Frau Rut einmal genannt hat. Aus diesem Grunde hat die Stiftung Austauschstipendien etabliert, die sich vor allem an Schülerinnen und Schüler richten, aber auch für Personen gedacht sind, die im gesellschaftspolitischen Bereich tätig sind.

Wenn sich Schüler der 11. Klasse entscheiden, für ein halbes Jahr nach Norwegen zu gehen, ist das ein besonderer Schritt. Viele Klassenkameraden gehen sicherlich zeitgleich nach Frankreich, England oder in die USA, aber nach Norwegen? Dieses ungewöhnliche Experiment kann sich lohnen und gelingen. Dafür ist es allerdings wichtig, dass die Schüler schon eine gewisse Zeit (am besten ein Jahr) Norwegisch gelernt haben. Deswegen hat sich z.B. die Berliner Camille-Claudel-Oberschule, die einen Austausch mit der Katedralskole in Oslo durchführt, bereits im Jahr 2000 entschieden, eine Norwegisch-AG für ihre Schüler anzubieten. Dort lernen die Schüler dann, dass 'Ikke' nicht nur Berliner Dialekt ist, sondern auch die norwegische Verneinung, dass Geitost nach Karamell schmeckt und was man unter einem norwegischen 'Vorspiel' versteht — eben alles, was man für einen erfolgreichen Aufenthalt braucht.

Die Beweggründe der Schüler, Norwegisch zu lernen und nach Norwegen zu gehen, sind ganz unterschiedlich, aber oft ist es einfach die Lust, Neues zu erleben und ein anderes Land und seine Kultur kennen zulernen.

Eine Schülerin der Camille-Claudel-Oberschule sollte nach der Hälfte ihrer Zeit in Norwegen einen Aufsatz über die Unterschiede zwischen norwegischen und deutschen Jugendlichen schreiben. Sie berichtet: Diese Schule ist sehr anders als meine Schule in Berlin. Nicht nur das System ist anders, auch die Schüler und ihr Verhalten. Wenn ich die Schüler betrachte, kann ich sehen, dass viele reiche Eltern haben, und darum ist es sehr wichtig, welche Kleidung und welche Freunde du hast und überhaupt ist das Konkurrenzverhalten zwischen den Schülern in einigen Klassen sehr groß. In meiner Klasse in Berlin helfen sich alle und schreiben die Hausaufgaben voneinander ab. Wir wollen mit der Schule so schnell und mit soviel Spaß wie möglich fertig werden. Hier kommt es nur darauf an, den besten Abschluss zu machen und später das meiste Geld zu verdienen (...). Im Nachhinein erschienen ihr die Unterschiede dann doch nicht mehr so stark und entscheidend, auch wenn es sie in einigen Bereichen gibt. Der Blick auf ein anderes Land — aber auch auf das eigene — ändert sich eben, wenn man dort lebt. Die Austauschstipendien der Stiftung ermöglichen diesen Blickwechsel.

Blickwechsel und neue Ein- und Ausblicke sind gerade auch in der Politik sehr wichtig. Deswegen engagiert sich die Stiftung auf verschiedene Weise in diesem Bereich. Bedeutender Bestandteil der Arbeit ist die Durchführung von so genannten 'Gesprächskreisen'. Diese sollen ein informelles Gesprächsforum für einen intensiven Erfahrungs- und Meinungsaustausch von Politikern, Wissenschaftlern, Unternehmen und anderen Interessierten aus Norwegen und Deutschland, aber auch aus den anderen nordischen Ländern und dem Baltikum bieten.

Bereits seit dem Jahr 2002 lädt die Stiftung im Rahmen des Gesprächskreises 'Nachhaltige Reformpolitik' zu verschiedenen Veranstaltungen ein. Neben dem überparteilichen Austausch von Erfahrungen sollen auch neue Reformvorschläge für aktuelle Fragestellungen entwickelt werden. Als Auftakt des Gesprächskreises fand im Juli 2002 eine Veranstaltung zum Thema 'Flexibilität der Arbeit' statt. Eingeladen waren Florian Gerster sowie hochrangige Experten aus Norwegen und anderen nordischen Staaten. Im Januar 2003 wurde dann mit der Schwedischen und Norwegischen Botschaft zu einer gemeinsamen Reformkonferenz eingeladen, und im Januar 2004 nahmen vor dem Hintergrund der aktuellen Reformdebatten in Deutschland über 100 deutsche und nordische Gäste an einer Konferenz in Berlin zum Thema 'Aus der tiefen Krise in den Höhenflug – Wie reformiert man in Skandinavien?' teil.

In einem weiteren Gesprächskreis wird sich die Stiftung mit dem Thema 'Energie- und Ressourcenpolitik' beschäftigen. Als Gesprächsthemen sind u.a. Energiesicherheit und -diversifikation, sowie regenerative Energiequellen (Wind/Wasser) geplant. Nicht nur bei der Durchführung dieses Gesprächskreises arbeitet die Stiftung eng mit deutschen und norwegischen Energieunternehmen zusammen.

Ohne ihre Sponsoren wäre die Arbeit der Stiftung nicht denkbar. Für die Finanzierung ihrer Arbeit verwaltet die Stiftung einen Fonds, der auf den Beiträgen privater und öffentlicher Personen, Unternehmen, Organisationen und Institutionen basiert. Die wichtigsten deutschen Förderer sind RWE-DEA AG und Ruhrgas AG, E.on AG und Norsk Hydro Deutschland GmbH. Zu den norwegischen Förderern gehören Ministerien und einzelne Unternehmen.

Ein besonderer Höhepunkt der Stiftungsarbeit ist die alljährliche Verleihung des Willy-Brandt-Preises. Er wird an eine Person oder eine Institution verliehen, die sich in besonderer Weise um die deutsch-norwegischen Beziehungen verdient gemacht hat. Der Preis besteht aus einer Willy-Brandt-Statuette des Künstlers Nils Aas und einem Diplom. Der Preis wird abwechselnd in Deutschland und Norwegen vergeben.

Am Gymnasium Johanneum in Lübeck, das Willy Brandt in den Jahren 1928-1932 selbst besuchte, ist das Schulgebäude mit Willy-Brandt-Zitaten in Form von Neoninstallationen der Künstlerin Hanna Jäger geschmückt. Mit Hilfe der Stiftung will nun auch die Katedralskole in Bergen eine solche Neoninstallation mit norwegischen Willy-Brandt-Zitaten realisieren. Eines der Lübecker Brandt-Zitate aus dem Jahr 1988, das die Schüler selbst ausgewählt haben, charakterisiert in idealer Weise den Leitgedanken und den Ausblick auf die weitere Arbeit der Norwegisch-Deutschen Willy-Brandt-Stiftung: Den Horizont werden wir nie erfahren, wenn wir ihn als ein fixes Ziel, eine feststehende Grenze missverstehen.

 

 

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