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Die Inselgruppe Røst
besteht aus mehren kleinen Inseln und ist vom
Tourismus noch wenig berührt. Dem Besucher der Røstinseln erschließen sich zwei völlig gegensätzliche
Lebensräume nordischer Vögel. In der flachen Tundralandschaft der Hauptinsel
stößt er auf Arten, die ihm bereits in Lappland begegnet sind, etwa den hell und
einprägsam rufenden Regenbrachvogel oder das federleicht auf moorigen Tümpeln
wippende Odinshühnchen und vielleicht sogar den heimlichen Sterntaucher, der
hier auf einem der kleinen Binnenseen brütet. Der schlicht braun gefärbte
Alpenstrandläufer begegnete uns in schier unglaublicher Vertrautheit. Viele
Vogelarten leben ringsum in der baum- und strauchlosen Grassteppe. Da fliegt uns
laut warnend der Steinwälzer entgegen, und der nur halb so große
Zwergstrandläufer schimpft ebenso leidenschaftlich, sobald wir die Grenze seines
Reviers überschreiten. Die an ihren Lebensraum wunderbar angepasste Spornammer
brütet tief verborgen im Moos, während das bunte Männchen auf einem winzigen
Erdhügel sein typisches Ammernlied schmettert. Am heftigsten aber reagieren die
gefiederten Inselbewohner, wenn einer der diebischen Kolkraben oder gar der
mächtigen Seeadler von Stavoen herüber streicht. Dann steigen sie alle auf, die
Enten, Säger, Möwen, Strand- und Wasserläufer und „hassen” die viel größeren
Feinde. Stärker bedroht sind die kleinen Arten freilich durch die mitten unter
ihnen brütende Schmarotzerraubmöwe. Dieser Wegelagerer stürzt sich von seinem
Ausflug auf jede Dreizehenmöwe, die mit Beute vom Meer herüberkommt. Sogar
Odinshühnchen verfolgt sie fliegend. Gefährlich erst wird für den zarten Vogel
eine Verfolgung durch beide Partner. Auf Røst beobachteten wir zum ersten Mal
noch zwei weitere Verwandte, die Spatel- und Falkenraubmöwe.
Von den Greifvögeln
kommt außer dem Seeadler nur noch der Wanderfalke regelmäßig vor. Er gilt als
der schnellste Jäger im freien Luftraum und schlägt Dreizehenmöwen im Fluge
ebenso gewandt wie die viel schwerfälligeren Alken. Der nächste
Wanderfalkenbrutplatz befand sich damals auf Storfjeldet.
Vom Fischerhafen fuhren
wir im Motorboot umher und sahen die romantischen Winkel
der zwischen Meeresbuchten und Lagunen verstreuten Siedlung. Auch hier bricht die neue Zeit unaufhaltsam ein:
Holzhäuser sieht man von Jahr zu Jahr seltener; wenn eines abbrennt, treten
Stein und Beton an seine Stelle. Die letzten Moos gedeckten Fischerhütten pflegt
man nur noch für künftige Touristen.
Auf den Fensterbänken eines Schuppens hatte
eine ganze Kolonie von Dreizehenmöwen ihre Nester gebaut. Bis vor zwanzig Jahren
waren sie noch ausschließlich Felsbrüter. Zu den älteren Siedlungsvögeln von
Røst zählen ferner die Eiderenten, deren Nestdunen bis heute eifrig gesammelt
und die wertvollen Dunen, die für Kissen- und Schlafsackfüllungen verwendet
werden, teuer gehandelt.
Zum Höhepunkt unseres
Urlaubes wurde zweifellos die
Überfahrt nach Vedoy, vor allem aber der zweiwöchige Aufenthalt auf der
menschenleeren, steil aus dem Nordmeer aufragenden Felsinsel. Es ist ein
großartiges Erlebnis, mitten zwischen schreienden, keckernden, heulenden,
krächzenden Vögeln sein Zelt aufzuschlagen — und das zu einer Jahreszeit, in der
über Røst die Sonne nicht untergeht (28.05 - 16.07). Aber schon mit der schwierigen Auswahl des
Zeltplatzes im weit und breit abschüssigen Gelände begannen unsere Probleme. Zum
kostbarsten Besitz in diesen Tagen wurde das Trinkwasser, für dessen Schutz wir
eine sturmsichere Felsnische ausfindig machten. Was uns die Robinsonade
an aufregenden Abenteuern brachte, bleibt für immer im Gedächtnis haften. Ob es
in der Steilwand die waghalsigen Klettertouren waren, die uns zu den Nestern der
Dreizehenmöwe, den schmalen Brutsimsen der Trottellumme, deren Junges seine
Eltern schon an der Stimme kennen lernt, solange es noch im Ei ist, oder zu den
Felshöhlen der seltsamen Tordalken führte oder ob uns das unendlich mühsame
Anschleichen an die glitschigen Rastplätze der sich trocknenden Krähenscharben
unten knapp über der Brandung die Knie zittern ließ — der vergossene
Angstschweiß wurde wettgemacht durch unvergleichliche Einblicke in eine Welt
voller Rätsel: etwa das Brutgeschäft des Papageitauchers, dessen Farbenpracht
einem exotischen Vogel Ehre machen würde. Ein Kobold des Nordmeeres, in selbst
gegrabenen Höhlen brütend, zu Lande unbeholfen wie Pinguine, ist er unter Wasser
Meister im Fischfang. Bis zu zehn Sandaale trägt er im Schnabel heim!
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