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Für Fridtjof
Nansen war es das „Tor zur Arktis”. Viele Expeditionen haben um die
Jahrhundertwende die Inselgruppe im hohen Norden zu einem Stützpunkt auf
ihrem Weg zum Nordpol gemacht. Der Schwede Andree und der Amerikaner
Wellmann wählten die Insel als Startbasis für ihre Ballon- bzw.
Luftschiffexpedition. Der Italiener Nobile und der Norweger Amundsen
vertäuten ihre Luftschiffe in Ny Ålesund. Noch heute ist Spitzbergen, wie
die Inseln hier meist genannt wird, Ausgangspunkt für wissenschaftliche
Expeditionen ins Nordpolarmeer. Darüber hinaus ist auch die Inselwelt
selber in jedem Sommer Ziel von Geologen, die hier der Geschichte unseres
Planeten nachgehen, und von Biologen, die die arktische Flora und Fauna
untersuchen. Die Inselgruppe Svalbard liegt im nördlichen Eismeer zwischen
dem 74. und 81. Breitengrad. Sie umfasst fünf größere und mehrere kleinere
Inseln. Auch die Bäreninsel und das mit einer Wetterstation besetzte
Eiland Jan Mayen rechnet man dazu. Die ganze Gruppe ist etwa 65.000
Quadratkilometer groß und entspricht damit etwa der doppelten Fläche von
Nordrhein-Westfalen. Es herrscht arktisches Klima. Die Temperatur schwankt
zwischen plus 15 Grad im Sommer und minus 40 Grad im Winter. Riesige
Gletscher schieben sich zwischen den Bergen hindurch. Der Boden ist bis in
300 m Tiefe gefroren und taut im Sommer nur bis zu einem Meter unter der
Oberfläche auf. Die Polarnacht ist lang, die Vegetation karg.
Unter diesen Bedingungen hatte Svalbard historisch keine einheimische
Urbevölkerung. Wikinger haben als erste - so der derzeitige Kenntnisstand
- die Inseln erreicht und ihnen auch den heute offiziellen Namen Svalbard
gegeben. In isländischen Chroniken findet sich für das Jahr 1194 eine
entsprechende Eintragung: »Svalbardi fundinn« - die kalte Küste entdeckt.
Kürzer ist wohl kaum eine große geographische Entdeckung in der Literatur
beschrieben worden. Durch Bodenfunde ist die Präsenz der Wikinger auf
Spitzbergen allerdings bis heute nicht nachgewiesen. Von russischen
Historikern wird zudem die These vertreten, dass Küstenbewohner aus dem
hohen Norden und von der Halbinsel Kola Spitzbergen als erste besuchten
und es Grumant nannten. Wer auch immer die ersten Besucher Spitzbergens
gewesen sein mögen, für lange Zeit wurde es wieder still um die Inselwelt
im Eismeer. Erst 400 Jahre später, 1596, entdeckte der holländische
Kapitän Willem Barents die Inselgruppe für Europa. Er war es auch, der die
unvermutet auftauchende Küste, die er für eine Ecke Grönlands hielt,
Spitzbergen nannte. Jahrhunderte lang galt der Holländer als Entdecker
Spitzbergens, bis die Russen schließlich behaupteten, einer der Ihren, der
Seefahrer Savell Lochkin, sei schon 72 Jahre früher, nämlich 1524, dort
gewesen. Als die wenigen Überlebenden der Barents-Expedition zu Hause von
den Walherden erzählten, die sie in den Gewässern um den Archipel
angetroffen hatten, wurde die Inselwelt für das ferne Europa interessant.
In den Amsterdamer Kontoren begriff man sofort, welche Möglichkeiten sich
da boten. Der aus Walspeck gewonnene Tran war damals weit verbreitetes und
begehrtes Beleuchtungsmittel. So begann die schonungslose Jagd auf die
größten Meeressäuger der Erde. Die Holländer gründeten auf der
Amsterdaminsel an der Nordwestecke von Westspitzbergen sogar eine
Sommerstadt, Smeerenburg (Transtadt), mit Walkochereien und
Verarbeitungsgebäuden. In den Jahren 1620 bis 1635 kamen jährlich etwa
2300 Fangschiffe mit ca. 15.000 Mann Besatzung hierher. Auf dem Höhepunkt
der Walfängerzeit kam es zwischen Engländern, Holländern und Dänen sogar
zu kriegerischen Auseinandersetzungen um die besten Fangplätze. Doch schon
bald hatte man den Grönlandwal praktisch ausgerottet und Smeerenburg
verfiel.
Die Nachfolger der Walfänger waren
Pelzjäger von der russischen Eismeerküste, die im Auftrag eines Klosters
in Archangelsk Polarfüchse und Eisbären erlegten. Heute ist der
Kohlenbergbau der wichtigste Wirtschaftszweig Spitzbergens. Die derzeit
betriebenen Gruben befinden sich in der Nähe des norwegischen Ortes
Longyearbyen sowie bei den sowjetischen Siedlungen Barentsburg und
Pyramiden. 264.000 Tonnen Kohle sind 1988 von den Norwegern abgebaut
worden; 168.000 Tonnen (67%) davon gingen in die Bundesrepublik
Deutschland und nach Frankreich. Fachleute schätzen die Kohle aus
Spitzbergen wegen ihrer Qualität. Sie liegt mit mehr als 7.000 cal
Heizwert an der Spitze der hochwertigen Kohlensorten. In ihrer Struktur
und Qualität ähnelt sie der gleichfalls hochwertigen Ruhrkohle. Im
Ruhrgebiet muss sie allerdings aus einer Tiefe von 1000 Metern gefördert
werden, während sie auf Spitzbergen in einer Höhe von etwa 200 Metern
oberhalb der Talsohle an den Fjordwänden zutage tritt. Die großen
Kohlenvorkommen auf Spitzbergen sind noch lange nicht erschöpft.
Norwegens Interesse an Spitzbergen war mit den Polarexpeditionen Fridtjof
Nansens erwacht, doch es wuchs eigentlich erst, als der aus Tromsö
stammende Eismeerfahrer Soren Zachariassen 1899 Kohle aus Spitzbergen
mitbrachte und über reiche Vorkommen berichtete. Bereits um die
Jahrhundertwende wurden vier Kohlegesellschaften gegründet. Und ein
gewisser Mister Longyear aus Boston, Senatorensohn und von Beruf
Ingenieur, zeitweilig Politiker, Bürgermeister und dazu Millionär, kam
1901 als Tourist nach Spitzbergen. Er besaß nicht nur Unternehmergeist,
sondern auch das nötige finanzielle Rückgrat und legte hier im Jahre 1906
die erste Kohlengrube an. Der dazugehörige Grubenort erhielt den
beschönigenden Namen Longyearcity. Im Jahre 1916 kaufte dann die
norwegische Kohlengesellschaft Store Norske Spitsbergen Kulkompani Gruben
und Siedlung. Sie ließ das amerikanisch-übertreibende Wort City durch das
bescheidenere norwegische Byen ersetzen. 1912 eröffneten die Russen die
Grube Grumant am Eisfjord, 1917 die Schweden die Grube Svea am
Van-Mijenfjord, die Holländer gründeten 1920 Barentsburg, dass sie 1936
der russischen Gesellschaft Arktik Ugol verkauften. Die Schotten
versuchten in Brucecity am Billefjord Kohle zu fördern, die Engländer in
Calypso am Recherchefjord. Die Weltwirtschaftskrise beendete jedoch ihre
Aktivitäten. Heute erinnert in Longyearbyen - außer dem Namen - nichts
mehr an die Gründer der Kohlengrube oder an die Anfänge des Ortes. Die aus
dieser Zeit stammenden Gebäude sind im Zweiten Weltkrieg bei einem
Bombardement durch die deutschen Kreuzer Tirpitz und Scharnhorst
vernichtet worden. Noch zu Beginn der siebziger Jahre war Longyearbyen
eine Siedlung, in der fast ausschließlich Bergarbeiter in barackenartigen
Unterkünften ohne Angehörige lebten. Darüber hinaus war der Ort im Winter
von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten. Nur ein Postflugzeug warf
gelegentlich Pakete ab. Eis verschloss den Fjord und damit den Hafen.
1975 beschloss das Parlament in Oslo, dass pro Woche zwei Linienmaschinen
Spitzbergen anfliegen sollten. Damit hielten auch Zivilisation und
Wohlstand Einzug. Die Bergarbeiter holten ihre Familien nach, es wurden
Wohnungen und auch Einfamilienhäuser gebaut. Longyearbyen erhielt
Kindergarten und Schule, einschließlich eines Gymnasiums. Das Krankenhaus
wurde modernisiert, auf dem 40 Kilometer langen Straßennetz verkehren an
Sommertagen ca. 220 Autos. Rund 1200 Schneeskooter haben die
Hundeschlittengespanne abgelöst. Wer sich allerdings in Longyearbyen
niederlassen und arbeiten darf, bestimmt nach wie vor die staatliche
Kohlengesellschaft Store Norske Spitsbergen Kulkompani. Sie schreibt die
Stellenangebote aus. Die Nachfrage ist groß; auf eine Ingenieurstelle
kommen bis zu 150 Bewerbungen, bei den Sekretärinnen sind es sogar bis zu
300. Die Mitarbeiter bleiben unterschiedlich lange. Manche 1 bis 2 Jahre,
andere 20 oder 30. Unterschiedlich sind auch ihre Beweggründe. An erster
Stelle stehen Steuerersparnis, Abenteuerlust und ein gesundes Klima. Longyearbyen ist darüber hinaus Verwaltungssitz des gesamten
Inselarchipels. Hier residiert der Gouverneur, der sog. Sysselmann, der
jeweils für vier Jahre von Oslo hierher entsandt wird. Insgesamt leben
heute rund 3.700 Menschen auf Spitzbergen, Longyearbyen allein hat
ungefähr 1.000 Einwohner.
Neben den Norwegern siedeln seit langem auch Russen auf Spitzbergen. Das
hat seine Gründe in der einmaligen staatsrechtlichen Stellung der
Inselgruppe. In der internationalen Politik hat Svalbard aufgrund seiner
exponierten Lage am Rande der Arktis schon zu Beginn unseres Jahrhunderts
eine besondere Rolle gespielt. Der lange Zeit herrenlos gebliebene
Archipel wurde 1920 durch den Vertrag von Sevres norwegischer Hoheit
unterstellt. An den Verhandlungen waren vor allem Großbritannien und auch
die Vereinigten Staaten beteiligt, während die Sowjetunion sich
zurückhielt. Die Russen traten erst 1935, zehn Jahre später als
Deutschland, dem Vertrag bei. Norwegen verpflichtete sich, die Inseln
entmilitarisiert zu halten und allen Vertragspartnern wirtschaftliche
Tätigkeit »sowohl zu Lande als auch in den territorialen Gewässern zu
gestatten. Von diesem Recht machte von den (heute insgesamt 41)
Unterzeichnerstaaten allerdings nur die Sowjetunion Gebrauch. Auch sie
fördert Kohle - in den Siedlungen Pyramiden (1.200 Ew.) und Barentsburg
(1.400 Ew.). Allerdings dürfte diese wirtschaftliche Nutzung an zweiter
Stelle ihrer Interessen stehen. Viel wichtiger ist den Sowjets ihre bloße
Anwesenheit auf der strategisch ungeheuer wichtigen Inselgruppe. Nirgendwo
sonst auf der Erde stehen sich die Militärapparate des Ostens und des
Westens so unmittelbar gegenüber wie in den nördlichen Breitengraden
zwischen dem nordeuropäischen Festland und der Arktis. Und wer Herr auf
Spitzbergen ist, verfügt im Falle eines Falles über einen der wichtigsten
arktischen Stützpunkte. ,,Arktisches Gibraltar" haben bereits die
Engländer diese Inselwelt genannt, als sie während des Zweiten Weltkrieges
hier Quartier bezogen. Auf der Halbinsel Kola haben nach Beobachtung
westlicher Militärexperten zur Zeit etwa zwei Drittel der sowjetischen
Raketen-U-Boote ihre Stützpunkte. Und diese U-Boot-Flotte muss zwischen
Spitzbergen und dem Nordkap hindurch, um in den Atlantik zu gelangen. Aber
auch die russische Handelsschifffahrt, die in Murmansk ihren einzigen
eisfreien Hochseehafen hat, ist auf diesen Seeweg angewiesen.
Militäranlagen sind allerdings tabu, selbst um den Bau des Flughafens gab
es heftige Diskussionen zwischen Oslo und Moskau. Die Sowjetunion meldete
Protest gegen den Bau an, schließlich sei der Flughafen militärisch
nutzbar und verstoße damit gegen den Spitzbergenvertrag. Die Norweger
konnten sie besänftigen; heute ist der Tower von Norwegern und Russen
gemeinsam besetzt. Von der Konkurrenz der Nationen, vom politischen
Machtgeplänkel ist auf Spitzbergen selber allerdings wenig zu spüren. Die
Norweger und Russen in den fünf kleinen Siedlungen kommen gut miteinander
aus. Es besteht ein regelmäßiger Kultur- und Sportaustausch, und der
norwegische Sysselmann sowie der russische Generalkonsul treffen sich
regelmäßig zu gemeinsamen Gesprächen und Sitzungen. Denn die Menschen, die
hier leben, müssen in einer Welt bestehen, die zwar schön, aber unendlich
einsam und herausfordernd, manchmal auch gefährlich ist. Spitzbergen ist
Freihandelszone und man bezahlt keine Mehrwertsteuer.
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