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Durch winzige Fenster weit oben im Gebälk des Dachstuhls
fallen Lichtbündel schräg in den hohen Raum und zaubern tanzende Muster auf das
Halbrund der Säulen. Die Wände dahinter bleiben im Dunkel. Eine Wolke lässt das
Spiel honiggelber Reflexe verblassen. Es duftet nach Harz.
Wie mag das Innere der Stabkirchen frühe Christen beeindruckt
haben, einfache Bauern, die von weit her kamen, um die Missionare und
Wanderprediger des neuen Glaubens zu sehen und zu hören? Nicht nur, dass die
Kirchen häufig in der Nähe früherer Kultstätten standen, auch die Fabeltiere und
Dämonen an den Kapitellen und Portalen erinnerten die Menschen an ihren alten
Glauben. Und standen die neuen Gotteshäuser nicht ganz in der Tradition
heimischer Zimmermannskunst, hervorgegangen aus der Schiffbautechnik der
Wikinger, waren es nicht die gleichen Drachenköpfe an den Giebeln der hoch
gestaffelten Dächer, die früher Bug und Heck der niederbordigen Schiffe zierten?
Leicht hatten es die vor allem aus England stammenden Mönche
nicht, die christliche Lehre in Norwegen unters Volk zu bringen. Erst im 11.
Jahrhundert fasste die neue Religion Fuß. Wie tief der Glaube an gute und böse
Geister jedoch in den Menschen verwurzelt war, zeigt sich an den heidnischen
Stilelementen der Stabkirchen, die während dieser Zeit und später überall im
Lande entstanden.
Wahre Genies in ihrem Fach waren die Zimmerleute, die damals
ohne Säge und ohne einen einzigen Metallnagel mit äußerster Präzision
arbeiteten. Die Stabkirchen stellen in der sakralen Holzbaukunst die höchste
Entwicklung sowohl in ihrer Konstruktion als auch in der ästhetischen Gestaltung
ihrer Elemente dar. Sie können als der originale Beitrag Norwegens zur
Architekturgeschichte der Welt und zur Epoche der Frühgotik in Europa betrachtet
werden.
Darüber hinaus bezeugen sie den künstlerischen
Ausdruckswillen einer bäuerlichen Gesellschaft, die sich gegenüber den
Machtzentren in den Städten zu behaupten versuchte. Während Königsresidenzen,
Bischofshöfe und Dome aus Stein – meist auch von ausländischen Baumeistern –
erbaut wurden, hielt man auf dem Lande am traditionellen Baumaterial Holz fest.
Bei aller Mannigfaltigkeit der Gestaltung frühgotischer
Sakralbauten im hohen Mittelalter zeigte die Konstruktion des Kernraums und die
emporstrebende Außenansicht eine gemeinsame Sprache der Architektur, die man als
Ausdruck einer frühen Epoche abendländischen Geistes verstehen muss. Dieser
Geist vermochte nicht nur Räume zu schaffen, die den Menschen über alles
Irdische hinaushoben, der Sakralbau jener Zeit versinnbildlicht auch, dass sich
die Welt des abendländischen Christentums mit der Herrschaft Gottes und der
Kirche als Mittelpunkt der Gemeinde zu ordnen begann.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es in Norwegen rund
tausend Stabkirchen, von denen heute nur noch 21 am ursprünglichen Ort (und vier
weitere in restaurierter Form an anderer Stelle) erhalten sind. Im Fjordland in
Borgund, Fantoft bei Bergen, Hopperstad bei Vik, Kaupanger, Kvernes, Lom, Redven,
Roldal, Urnes und auf der Insel Grip. Ansonsten sind nur noch Bauteile, vor
allem geschnitzte Portalflanken, vorhanden sowie 33 bemalte Antemensalien,
welche die Vorderseiten der Altäre schmückten (unter anderem im Historikmuseum
in Bergen). Diese im Übrigen stark von der englischen Buch- und Tafelmalerei
geprägten Kunstwerke bilden die bedeutendsten Beispiele mittelalterlicher
Malkunst in Norwegen.
Um 1350 setzte der Schwarze Tod dem Kirchenbau ein Ende. Die
Pest raffte etwa die Hälfte der rund 300.000 Norweger dahin. Erst mit Einführung
der Reformation wurden um die Mitte des 16. Jahrhunderts wieder Kirchen gebaut,
freilich nicht nach herkömmlicher Art. Um 1800 gab es nur noch etwa hundert
mittelalterliche Stabkirchen, von denen dann im 19. Jahrhundert zahlreiche der
Axt zum Opfer fielen.
Zwei Grundformen des Holzbaus haben sich in Nordeuropa
entwickelt: der Blockbau (laftverk) mit horizontalen und der Stabbau (stavverk,
stav = Mast, Stab) mit vertikalen Stämmen. Während man Wohnhäuser und Speicher
im Blockbau errichtete, bediente man sich in der Sakralarchitektur des Stab-
oder Mastenbaus, wobei das feste Gerippe der Stabkirchen von unterschiedlich
vielen senkrecht stehenden, tragenden Masten gebildet wurde. Die Masten
umrahmten den rechteckigen Kern der Kirche, an den sich Chor und Apsis
anschließen, und trugen die Dachkonstruktion des überhöhten Mittelbaus. Die
Kenntnisse ihrer Vorfahren kamen den Handwerkern dabei zugute. Sie übernahmen
viele Konstruktionselemente und Holzverbindungen aus dem traditionellen
Schiffbau der Wikingerzeit. Nicht von ungefähr werden deshalb die Stabkirchen
mit aufgetakelten Schiffen verglichen: die Stabreihen im Innern mit den
aufragenden Masten, die Pyramide der Pult-, Steil- und Satteldächer mit den
Segeln.
Auch die ornamentale Schnitzkunst der Wikinger wurde vom 11.
bis 13. Jahrhundert gepflegt, wie die Holzbildnereien in und an den Kirchen
beweisen. Tier- und Pflanzenornamente, Gestalten aus der germanischen Mythologie
und Sagenwelt gingen eine einzigartige Verbindung mit Motiven des Christentums
ein. Einst waren die Schnitzereien reich mit Farbe versehen, die in Abständen
von zwei bis fünf Jahren wiederholte Konservierung des Holzes mit Teer haben die
Außenwände jedoch dunkelbraun bis schwarz eingefärbt.
Bei den frühesten Kirchenbauten wurden die tragenden Pfosten
in den Boden eingegraben und durch Bodenschwellen miteinander verbunden. Um die
Gefahr der Fäulnis auszuschließen, entwickelte man später ein raffiniertes
System, um die Grundschwellen zu schützen, indem man ein Fundament aus starken
Hölzern, den so genannten Schwellbalken, auf eine Schicht flacher Steine legte.
Viele Techniken sind ohne eine lange vorhergegangene, uns weitgehend unbekannte
Entwicklung kaum denkbar. Dazu gehören die Fertigstellung einzelner Bauelemente
auf ebener Erde vor der endgültigen Aufrichtung oder verschiedenartige
Holzverstrebungen, Sicherungen und Maßnahmen zur Versteifung von Holzgefügen,
die alle der Verfestigung einer Grundkonstruktion dienten. Die Kirchenbauer
waren dabei selbst in der Provinz in der Lage, dank ihrer hoch entwickelten
handwerklichen Tradition neue Lösungen zu finden und überdies die Kirchen
individuell zu gestalten. Diese Merkmale gelten besonders für die prägenden,
repräsentativen Zentralkirchen, die in der Proportionierung, in ihrer Qualität
und in der Menge des verbauten Holzes die vielen kleinen Kirchen übertrafen. Die
komplizierten Mehrmastkirchen sind das Werk genialer Spezialisten.
Die Kirche von Borgund gehört zu diesem komplizierten Typ.
Ihr Zentralraum wird von Säulen getragen, wächst über einem Umgang – zwischen
Säulenreihe und Außenwand – empor. Die staver stehen auf einem vor Feuchtigkeit
geschützten Rahmen aus dicken Balken, die zusammen mit Wandpfosten einen
doppelten Rahmenverbund bilden, auf dem das gesamte Bauwerk ruht. Die Säulen
sind durch Arkaden miteinander verbunden, zwischen denen Andreaskreuze (so
genannt nach dem Diagonalkreuz, an dem der Apostel Andreas gestorben sein soll)
eingesetzt sind. Dem Gerüst des Zentralraums liegen die hoch aufragenden
Dachkonstruktionen auf.
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Die Maß- und Höhenverhältnisse der einzelnen Dächer und der
dazwischen liegenden Wände waren so exakt aufeinander abgestimmt, dass der Bau
heftigste Winterstürme und tonnenschwere Schneelasten unbeschadet überstand,
denn die Hauptlast von Dach und Wänden verteilte sich auf die Säulen und das
Fundament. Die teergetränkten, mit dicken Holznägeln auf den Sparren befestigten
Holzschindeln sorgten dafür, dass die Dächer kein Wasser durchließen. Der äußere
Umgang (svalgang) der großen Stabkirchen weist auch auf die soziale Funktion der
Gotteshäuser hin. Vor und nach dem Gottesdienst tauschten die von weit her
gekommenen Gemeindemitglieder im Laubengang Neuigkeiten aus, gingen junge Leute
auf Brautschau und wurden Geschäfte getätigt. Früher legte man hier auch die
Waffen ab, wie es schon an den heidnischen Thingplätzen Brauch war.
Aber nicht nur die Zimmermannskunst und das hohe technische
Können der Baumeister sicherte die Lebensdauer der mittelalterlichen
Baudenkmäler in den Tälern und Wäldern Norwegens bis in unsere Zeit, sondern
auch der große Sachverstand der bäuerlichen Architekten bei der Wahl und
Gewinnung des Materials. Der größte Teil des verwendeten Holzes stammte von
Waldkiefern, für Nägel benutzte man Birken- und Wacholderholz. Die Kiefernstämme
ließ man zur Aushärtung fünf bis acht Jahre im Wald stehen, bevor sie
verarbeitet wurden. Erst jüngst stellten Fachleute fest, dass ein achthundert
Jahre alter Pfosten in der Stabkirche von Urnes noch immer Harz absonderte. |