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Im Morgen der
Zeiten, als das Inlandeis abschmolz, durchstreifte ein Jägervolk das karge Land,
übersät mit Felsbrocken, die die Gletscherdecke der Eiszeit hinterlassen hatte.
Nur die Tierwelt war reich: Wale, Fische und Seevögel, Seehunde und Walrösser.
Während der langen, kalten Winter bei Dunkelheit und gewaltigen Wetterstürzen
gelang ihre Erbeutung jedoch nicht ohne Verluste an Menschenleben. Es muss ein
zäher Menschenschlag gewesen sein, der den Kampf mit den Naturkräften aufnahm,
sich ins Land verbiss und es in Nutz und Gebrauch nahm.
Wer heute am Rand
des Eismeers entlang wandert, wird immer wieder mit Urzeiten konfrontiert. Von
steilen Berghängen schlägt einem das Gekreisch der Kormorane, Eisenten und
Heringsmöwen entgegen. Ihre Schreie sind ein Teil dessen, was sich im Wetter, in
der Brandung, die an Land donnert, und im Rauschen der Flüsse verdichtet, das
die Stille durchbricht. Dazu das enorme Licht, das der Frühsommer über das Land
schickt. Eins lässt sich vom anderen nicht trennen. Alles gehört zusammen wie
die Inlandsvidda mit ihren Wellen und die tiefen Schlünde der Fjorde. Niemand
kann sich dem Zauber entziehen.
Wo die Gegenwart
mit ihrer Fischwirtschaft und den modernen Trawlern, mit ausgebauten Straßen,
Tankstellen und Flugplätzen nicht ins Bild drängt, blicken wir mitten in das
Herz der Urzeit. Finnmark ist Norwegens größte Provinz, größer als Dänemark,
Belgien oder Holland. Die Einwohnerzahl aber (etwa 77.000) beträgt nur zwei
Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes. Die Einwohner sind samischer,
finnischer und norwegischer Herkunft. Daher spricht man drei Sprachen:
Norwegisch als Hauptsprache, Samisch und Finnisch. Durch die Jahrhunderte hin
haben sich die drei Volksteile zusammengerauft. Den Fremden erscheinen die Samen
am interessantesten.
In ihren Berufen
unterscheiden sie sich nicht wesentlich von der übrigen Bevölkerung – als Gruppe
haben sie allerdings das niedrigste Einkommen. Einige wenige Samen sind
Rentierhalter. Aber gerade diese wenigen stechen dem Fremden am meisten ins
Auge. Heutzutage ist es nicht mehr so einfach, eine einheitliche samische Kultur
aufzuspüren, was ja wohl auch ein Anachronismus wäre.
Weder Kulturen
noch Sprachen machen halt in ihrer Entwicklung. Auch das Samische ist nicht mehr
die gleiche Sprache wie vor hundert Jahren. Es gibt heute insgesamt neun
verschiedene samische Dialekte, wobei der Unterschied zwischen Nord- und
Südsamisch größer ist als der zwischen Deutsch und Norwegisch - ohne gemeinsam
gesprochene Drittsprache versteht man einander nicht. Unter den anderen
Urvölkern der Erde sind die Samen ein kleines Volk. Verstreut über vier Staaten,
von der russischen Halbinsel Kola im Nordosten bis ins finnische und schwedische
Lappland und nach Finnmark im Westen und bis zum Gebiet um den Femundsee und ins
Härjedal in Mittelskandinavien.
Die samische
Jugend legt heute mehr als früher Wert darauf, ihre eigene ethnische Identität
zu finden. Sie weiß, dass die Samen die eigentliche Urbevölkerung sind, und
erkennt ihre Aufgabe, innerhalb der bestehenden Demokratie für die Rechte der
Samen zu kämpfen. An erster Stelle steht für sie die Anerkennung ihres
überlieferten Rechtes auf die eigenen Gebiete, die Garantie ihrer natürlichen
Existenzgrundlagen wie Flüsse, Wasser und Land, die nicht zuletzt für die
Rentierhalter viel bedeuten. Dass sie ständig lebenswichtige Weiden aufgeben
müssen, weil Kraftwerke und Straßen gebaut werden oder der Massentourismus
seinen Tribut fordert, hat ihren Willen zum Widerstand mehr und mehr gestärkt.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Das heißt nicht, dass die Samen
keine Straßen, Kraftwerke oder Touristen wollen; sie wollen nur an der Planung
und Kontrolle beteiligt werden, um zu verhindern, dass sie eines Tages ihre
alten Gebiete ganz verlieren.
Im Ganzen gesehen
deutet vieles darauf hin, dass diese Stämme als erste ihren Fuß auf den
arktischen Nordgürtel des Kontinents setzten. Der Name der Halbinsel Kola ist
ein samisches Wort für Fisch. Die Vorväter der Samen trieben Jagd und Fischfang
— das spiegelt sich deutlich in einzelnen Felszeichnungen, die auf Kola, in
Karelien und in Ostfinnmark gefunden wurden. Vom Fischfang und der Jagd auf
wilde Rentiere gingen sie auf Kola und in Lappland über zur Zähmung der
Rentiere. Das Fleisch war ihre Nahrung, das Fell ihre Kleidung und die Haut ihr
Zelt, die Decke über den knorrigen Stangen. Heute gibt es diese Lebensweise kaum
mehr. Die Naturalwirtschaft ist längst von der Geldwirtschaft zum Rückzug
gezwungen worden, ein Rückzug, der bereits in der Wikingerzeit begann. Zunächst
ging es nur um die so genannte „Finnensteuer”: Man verlangte von den Samen
jährliche Tribute in Form von Fellen, Vogelfedern, Tauen, Walrosszähnen,
Kleintierpelzen, Rentierhäuten, Bärenpelzen, Häuten von Seehunden und Ottern.
Zeitweise mussten die Samen all den Ländern gleichzeitig Steuern zahlen, zu
denen sie heute gehören, weil man die Grenzen hier im Norden lange nicht genau
gezogen hatte.
Aber mit den
festen Grenzen begann die eigentliche Ausbeutung: Die Wildnis wurde Gegenstand
gründlicherer Untersuchungen, eine wissenschaftliche Erforschung der Kerngebiete
der Samen musste dazu führen, dass man sich mit den natürlichen Reserven
befasste. Damit rückte der Lebensraum der Samen in die Gefahrenzone. Heute
bilden zum Beispiel die Pläne für eine Regulierung der zwei großen Binnenseen
Joatkajavvre und Jiesjavvre eine ernste Bedrohung für die Rentierhaltung in
diesem Gebiet. Schon die Errichtung des Staudamms an den Seen hat großen Schaden
gebracht. Die Weiden wurden überschwemmt, ebenso die Wege für die Drift der
Tiere. Die Samen in Kautokeino und Karasjok stehen damit vor beinahe unlösbaren
Problemen. Für das Kirchdorf Kautokeino ist die Rentierzucht die Grundlage.
Fällt sie weg, dann wird es bald auch keine Schulen, Geschäfte und Bauernhöfe
mehr geben, keine Krankenpflegestation, kein Hotel und keine Gemeindeverwaltung
— meinen die Samen am Ort. Für Kautokeino war die Rentierzucht der Grund dafür,
dass hier überhaupt Menschen wohnen. Die Technokraten geraten auch hier ständig
in Kollision mit dem, was wir gerne die „Vierte Welt” nennen.
Die Samen in
Finnmark haben sich in den letzten Jahren darum bemüht, auch in der Politik eine
Rolle zu spielen, indem sie samische Listen für die Gemeinderats- und
Parlamentswahl aufstellten. Viele wurden auch Mitglieder der etablierten
Parteien. Auch zu einer gemeinsamen Zeitung haben sie es gebracht. Von den
derzeitigen drei samischen Zeitungen, „Sågat”, „Nordkalott” und „Nuorta Nasti”,
wird die letztere von der norwegischen Samenmission herausgegeben. Sie steht auf
dem Boden des Læstadianismus. Diese Bewegung geht zurück auf den schwedischen
Pfarrer Lars Levi Læstadius (geboren 1800), der als Botaniker an der
französischen Commission Scientifique du Nord im Jahre 1838 teilnahm. Den jungen
Samen bedeutet seine Lehre zwar nicht mehr soviel wie einst ihren Vätern, doch
hat sie bis in unsere Tage hinein eine merkwürdige Lebenskraft bewiesen. Man
begegnet ihren Spuren immer noch in norwegischen, schwedischen und finnischen
Dörfern. Sogar in Oslo gibt es heute eine aktive læstadianische Gemeinde.
Die Sekte der Læstadianer ist heute in viele Gruppierungen gespalten. In der
Nähe von Chicago hat sie sogar eine eigene Universität.
Das christliche
Lebensgefühl dieser Erweckungsbewegung enthielt anfänglich starke Züge von
Animismus: Dort durchdringen Mächte oder Geister die gesamte Natur. Als Mittler
zwischen Menschen und Mächten fungieren so genannte Noaiden (Schamanen), die in
der Ekstase Kontakt mit der anderen Welt aufnehmen. Auch im Læstadianismus hat
es daher gewisse Züge von Ekstase gegeben. Im Übrigen ist er eine
lutherisch-kirchliche Lehre, ein kleiner Zweig am verästelten Baum des
Protestantismus. Gegenüber vielen Bereichen des modernen Lebens nimmt er eine
skeptische, abweisende Haltung ein. Das mag dazu beigetragen haben, dass die
alte samische Lebensweise sich bis in unsere Tage so lebendig erhalten hat.
Allerdings besteht nicht gerade sehr begründete Aussicht, dass dieses geistige
Gut weiterhin bewahrt werden kann.
Auch wenn die
offizielle Kulturpolitik den Samen gegenüber sich in letzter Zeit geändert hat,
türmen sich die Probleme zuhauf. Es ist gut, dass die Samen sich in steigendem
Maße selbst um ihre Angelegenheiten kümmern. Akademiker aus ihren Reihen machten
sich zu Sprechern ihres Volkes. Gleichzeitig knüpften sie Beziehungen an zu
Minderheiten in anderen Ländern, so etwa auf der Konferenz mit Indianern in Port
Alberni im Herbst 1975. Angehörige von Urbevölkerungen in 19 verschiedenen
Ländern haben eine eigene Organisation geschaffen, die als Sprachrohr der
Minderheiten in der Welt wirken soll und UN-Status erlangt hat. Damit geben sie
ihrem Kampf für die Erhaltung ihrer ethnischen und kulturellen Identität
Ausdruck. Auch wenn Behörden und Öffentlichkeit den Problemen dieser Minderheit
heute aufgeschlossener gegenüberstehen, sind ihre schmucken Trachten ganz zur
Touristenattraktion degeneriert.
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