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In der stockfinsteren Nacht des 9. April 1940 erloschen die
Leuchtfeuer an Norwegens Fjorden. Vor den Küsten waren feindliche Schiffe
aufgetaucht. Was niemand für möglich gehalten hatte: Deutschland überfiel das
friedliche, neutrale Norwegen. Innerhalb eines Tages waren die Hauptstadt Oslo,
die wichtigen Häfen Stavanger, Bergen, Trondheim und Narvik in deutscher Hand,
alle Flugplätze in Südnorwegen, Depots, Mobilmachungslager und
Nachrichtenzentralen besetzt. Dies alles geschah sozusagen unter den Kanonen der
Meer beherrschenden britischen Flotte.
Vor dem deutschen Volk und der Weltöffentlichkeit
rechtfertigte die Reichsregierung den Überfall auf die neutralen Staaten
Dänemark und Norwegen mit dem Argument, man habe einer unmittelbar
bevorstehenden Landung der Alliierten zuvorkommen müssen. Tatsächlich hatten am
Tag zuvor britische Zerstörer in den norwegischen Hoheitsgewässern Minensperren
gelegt, um den Transport schwedischen Eisenerzes nach Deutschland zu
unterbinden. Aber zu diesem Zeitpunkt war die deutsche Invasionsflotte längst
unterwegs.
Die Motive für den deutschen Angriff waren nicht nur die
Sicherung der Erztransporte und die vorbeugende Abwehr einer alliierten
Invasion, sondern ebenso die imperialistischen Ambitionen der Kriegsmarine und
die großgermanischen Visionen der Nationalsozialisten. Die Seekriegsleitung
hatte es auf Stützpunkte an den Fjorden abgesehen, um die seestrategische Lage
für den U-Boot-Krieg zu verbessern.
Es fügte sich trefflich, dass der nationalsozialistische
Chefideologe Alfred Rosenberg rechtzeitig mit der faschistischen Nasjonal
Samling, einer winzigen Splitterpartei unter dem ehemaligen Major Vidkun
Quisling, Beziehungen aufgenommen hatte. Adolf Hitler sah im 9. April 1940 ein
historisches Datum: "So wie aus dem Jahre 1866 das Reich Bismarcks entstand, so
wird aus dem heutigen Tage das großgermanische Reich entstehen."
Das vermeintlich art- und stammverwandte Norwegen ließ diese
hochgespannten Erwartungen der Nationalsozialisten jäh zerschellen. Das kleine
Land mit seinen rund drei Millionen Einwohnern, das seit 1815 keinen Krieg mehr
gekannt hatte, meinte es ernst mit der Neutralität. Doch bei aller Entrüstung
über die Neutralitätsverletzung durch britische Minenleger galten die Sympathien
der meisten Norweger in diesem Krieg nicht der menschenverachtenden Diktatur
Hitlers, sondern den westlichen Demokratien. Das Land hatte deutschen
Flüchtlingen, unter ihnen der junge Sozialist Willy Brandt, Asyl gewährt, und
das Nobelkomitee hatte mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den
KZ-Häftling Carl von Ossietzky schon 1935 ein Zeichen gesetzt.
Als sich die Norweger nun vom ersten Schreck erholt hatten,
formierte sich bald ein Widerstand, der dem kleinen Volk internationalen Respekt
verschaffte.
Dabei war das Land auf eine feindliche Invasion in keiner
Weise vorbereitet gewesen. Die Armee, ganze 13.000 Mann, hatte weder Panzer noch
Panzerabwehrkanonen; die Luftwaffe kaum Jagdflugzeuge; Kriegsschiffe,
Feldgeschütze und Befestigungen waren hoffnungslos veraltet. Doch rasch
improvisierten die Norweger eine Gegenwehr. Bunt zusammen gewürfelte
Kampfgruppen hielten den Vormarsch der Deutschen nach Norden auf und kämpften
auch dann noch weiter, als die inzwischen herbeigeeilten britischen und
französischen Truppen wegen der erdrückenden deutschen Luftüberlegenheit Anfang
Mai ihre Brückenköpfe nördlich und südlich von Trondheim wieder geräumt hatten.
Selbst die Deutschen sprachen voller Hochachtung von der Tapferkeit ihrer
norwegischen Gegner.
Zum Symbol des Widerstandes, ja geradezu zum Volkshelden
wurde in jenen Tagen der 67jährige König Håkon VII. Anders als sein Bruder auf
dem dänischen Thron, der die deutsche Besatzung unter Protest hingenommen hatte,
beugte er sich dem Ultimatum der Nazis nicht, zur maßlosen Enttäuschung der
Deutschen. Sie hatten alles so fein gesponnen: Die Quisling-Leute standen
bereit, die Agenten der Abwehr waren auf dem Posten — doch zwei norwegische
Küstenbatterien im Oslofjord durchkreuzten ihren Coup. Sie versenkten das
Flaggschiff des deutschen Kampfverbandes, den funkelnagelneuen Kreuzer
"Blücher", so dass sich die anderen Schiffe zurückziehen mussten und die
norwegische Regierung einen Vorsprung von acht Stunden gewann, den sie zur
Flucht nutzte. Mit ihr begaben sich der Hof und das Parlament, der Storting,
aufs Land.
Nachdem es der Wehrmacht misslungen war, den König durch
einen Stoßtrupp gefangen zu nehmen, verfolgte die Luftwaffe den Regierungszug.
Mit Bürgern und Soldaten seines Volkes duckte sich der König im Schnee vor dem
Bombenhagel. Vergebens verlegten sich die Nazis wieder aufs Verhandeln. Der
deutsche Gesandte Curt Bräuer reiste sogar dem König hinterher: Er solle doch
den Faschisten Quisling, der bereits in Oslo eine neue Regierung ausgerufen
hatte, zum Ministerpräsidenten ernennen, um unnötiges Blutvergießen zu
verhindern. Doch bei dem denkwürdigen Gespräch in der Waldschule von Elverum
(nördlich von Oslo) blieb der König standhaft und der Verfassung treu. Die
Regierung stellte sich hinter Håkon und lehnte das deutsche Ansinnen mit allem
Nachdruck ab.
Daraufhin befahl Hitler, alle Orte, wo alliierte Soldaten
aufkreuzten, dem Erdboden gleichzumachen. Allein in Nordnorwegen wurden dadurch
35.000 Menschen obdachlos. Aber gerade dort war der Widerstand am
hartnäckigsten. Zusammen mit britischen, französischen und polnischen Truppen
sowie mit Fremdenlegionären eroberten die Norweger sogar Narvik zurück und
brachten die Kampfgruppe unter General Eduard Dietl an den Rand der Vernichtung.
Da zwang die Niederlage der Franzosen und Engländer bei Dünkirchen zum
übereilten Rückzug der letzten alliierten Truppen auf norwegischem Boden. Am 10.
Juni 1940 kapitulierte der norwegische Oberbefehlshaber General Otto Ruge in
Tromso mit seinen Soldaten. Die Wehrmacht schickte sie auf Ehrenwort nach Hause.
Der königstreue General Ruge indes wählte die Gefangenschaft. König Häkon führte
von nun an den Krieg vom Ausland aus weiter. Auf einem britischen Kreuzer war er
mit seiner Regierung nach England gebracht worden. Viele junge Norweger folgten
ihm bei Nacht und Nebel in Fischerbooten nach.
Die deutschen Besatzer, die sich um ein gutes Einvernehmen
mit den norwegischen Blutsverwandten mühten, merkten bald, wie tief der
demokratische Gedanke im Volke verwurzelt war. Quisling regierte nur wenige Tage
als Ministerpräsident. Ein von den Deutschen danach berufener Administrationsrat
unter dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofs verweigerte die Zusammenarbeit.
Wütend schickte Hitler daraufhin einen "alten Kämpfer", den Essener Gauleiter
und Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Josef Terboven, als Reichskommissar nach
Oslo. Aber auch er biss auf Granit: Storting, Gerichtshof, die vier großen
Parteien, Kirche und Gewerkschaften trotzten den deutschen Zumutungen. Als
Terboven den Gerichtshof unter Druck setzte, traten alle Richter zurück.
Was von der deutschen Zusicherung am 9. April 1940, die
territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit des Königreichs zu achten,
zu halten war, ging aus Plänen hervor, Norwegen dem "Großgermanischen
Reich deutscher Nation" einzugliedern und im eroberten
Russland auch Norweger anzusiedeln. Hitler träumte davon, das Land zum
Stromlieferanten für ganz Nordeuropa zu machen. Schon wurden Pläne entworfen für
eine Autobahn Klagenfurt–Drontheim mit Brücken über den Großen Belt und den
Sund. Noch mitten im Russlandfeldzug studierte Hitler mit seinem
Rüstungsminister Albert Speer Spezialkarten, um die beste Lage für den
gigantischen Kriegshafen auszusuchen, den er in Drontheim errichten wollte.
Daneben sollte eine Reichsstadt für 250.000 Deutsche entstehen, samt Oper,
Theater, Bibliothek, Gemäldegalerie, Stadion und Schwimmbädern.
Unter solchen Voraussetzungen mussten alle Bemühungen
deutscher Offiziere, Diplomaten und Wirtschaftsführer, die Freundschaft der
Norweger zu gewinnen, Illusion bleiben, zumal Reichskommissar Terboven
ungeschickt genug war, den König per Rundfunkansprache zu entthronen. Noch mehr
brachte es die Norweger auf, als Hitler gegen die bessere Einsicht Terbovens
1942 den Faschisten Quisling abermals zum Ministerpräsidenten ernennen ließ.
Quisling wurde als Verräter verachtet; in ganz Europa galt sein Name als Synonym
für Kollaborateur. Im Grunde war er ein verratener Verräter. All seine Entwürfe
für ein autonomes Norwegen, für einen Friedensvertrag mit Deutschland, für ein
eigenes Heer wanderten in den Papierkorb. Die Naziführung nahm diesen
weltfremden Gefolgsmann gar nicht ernst.
Als Quislings Anhänger unter dem Schutz der Besatzungsmacht
versuchten, das gesamte öffentliche Leben des Landes gleichzuschalten, erlebten
sie eine Abfuhr nach der anderen. Sechs Monate lang mussten die Schulen
geschlossen werden, weil 12.000 Lehrer den Gehorsam verweigerten, trotz Drohung
mit Gefängnis und Zwangsarbeit. Ebenso rebellierten die Bischöfe und die
Geistlichen, so dass die Kirchen leer standen. 200.000 Eltern verboten ihren
Kindern den Eintritt in eine Nazi-Jugendorganisation. Zehntausende von
Gewerkschaftlern entzogen sich durch Austritt der Gleichschaltung. Das
Quisling-Regime und die Gestapo reagierten auf den passiven Widerstand mit
brutalem Terror: Standgerichte, Geiselerschießungen, Zerstörungen von
Ortschaften nach dem Beispiel des tschechischen Lidice, Konzentrationslager.
Dadurch trieb man viele Norweger in den Untergrund oder über die Grenze nach
Schweden, wo 40.000 Flüchtlinge unterschlüpften.
Je mehr sich das Kriegsglück gegen Deutschland wandte, desto
gefährlicher wurden für die Besatzer die Aktionen der von Großbritannien aus
gesteuerten Untergrundarmee, der Milorg, deren Anschläge sich vor allem gegen
Brücken, Bahnlinien, Militärlager und Industrieanlagen richteten. Zuletzt war
kein Betrieb mehr sicher, der für die deutsche Rüstung arbeitete. Ein
bedeutender Schlag gelang der norwegischen Widerstandsbewegung im Februar 1943,
als ein Kommando bei Rjukan zwischen Oslo und der Westküste eine Fabrik
zerstörte, die Schweres Wasser für den Bau einer deutschen Atombombe
produzierte.
Mehr als 2000 Mitglieder der Widerstandsbewegung, darunter
266 Frauen, haben im Kampf gegen die Besatzungsmacht und die Quislinge ihr Leben
geopfert, fast soviel wie Soldaten im Frühjahr 1940 gefallen waren. Große
Verluste trug auch die norwegische Handelsmarine, damals die modernste der Welt.
Die meisten Reeder stellten ihre Schiffe in den Dienst der Alliierten. Dieser
Beitrag zum Sieg über Deutschland war, so ein englisches Zitat, soviel Wert wie
eine Armee von einer Million Mann.
In den letzten Kriegswochen konnte die Widerstandsbewegung
die Bürger des Landes mit Erfolg zur Disziplin anhalten. Man wollte nicht
riskieren, dass die Übermacht von 400.000 deutschen Soldaten im Lande zum
Schluss noch ein Blutbad anrichtete. Die deutsche Kapitulation im Mai 1945
enthob das Volk dieser Sorgen. Am 7. Juni 1945, auf den Tag genau fünf Jahre
nach seiner Emigration, kehrte König Håkon in die Hauptstadt zurück.
Auf die Befreiung folgte eine zuweilen erbarmungslose
Abrechnung mit den Kollaborateuren. Quisling wurde zum Tode verurteilt und in
der Festung Akershus erschossen. (Reichskommissar Terboven hatte sich am Tage
der Kapitulation mit einer Kiste Handgranaten in die Luft gesprengt.) Allein
18.000 Gefängnisstrafen wurden gegen Kollaborateure verhängt, weitere 28.000
norwegische Faschisten erhielten Geldbußen oder verloren ihre bürgerlichen
Rechte. Der unversöhnliche Hass gegen die einstigen Helfershelfer der Nazis
währte bis weit in die fünfziger Jahre. Dann setzte eine Amnestie den
Schlusspunkt unter eines der dunkelsten Kapitel norwegischer Geschichte. |