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Nordnorwegen besteht, wenn man den Sprachgebrauch des Landes zugrunde legt, aus
den Fylker (Provinzen) Nordland, Troms und Finnmark. Aber „Norwegens Norden”
reicht von Trondheim, dem historischen Ausgangspunkt seiner Erschließung, über
Hammerfest und das Nordkap hinaus bis Spitzbergen unmittelbar vor der
Packeisgrenze im Polarmeer, alles in allem eine Distanz von etwa 2500
Kilometern.
Über die Hälfte dieser Strecke beherrschen Landschaftsszene¬rien wie aus alten
Weltumseglerkupfern: wilde Gebirgsformationen, durchzogen von kräftiggrünen
Pflanzenteppichen, atmosphärische Schleier von Geheimnis darüber. Wohl nur
wenige Regionen unserer Erde leben gleich stark aus der Antithese von Weltmeer
und Urgestein. Die Menschen, die sich seit den Tagen der Wikinger diese
elementare Umwelt als Lebensraum erwählten, müssen von großer Selbständigkeit
und eigenwilliger Zähigkeit gewesen sein; anders hätten sie sich gegen die
Unbilden der Winterstürme, gegen die monatelange Finsternis der Polarnacht nicht
behaupten können.
Aber auch der zivilisationsbelastete Zeitgenosse, der in dieses tage- und
wochenlange Erlebnis schierer Natur aufbricht, wird gefordert. Hier zählt nicht
das leichte Unterhaltungsprogramm abzuwandernder Sehenswürdigkeiten. Hier geht
es um ein neues, eigenes Verhältnis zu den Urformen der Schöpfung. Wo die
Maßstäbe von Tradition und Werken der Kunst wie hier zurücktreten, bedarf es
eigener Maßstäbe. Nicht dass der zerklüftete Felsenrand Skandinaviens ohne
Initiativen wäre: Fischerei, die Lofoten sind ein Begriff, Schiffbau und
Erzgewinnung beschäftigen viele. Und der Probleme in diesem Bereich, zu denen
noch der Ölreichtum vor der Küste kommt, sind mehr als genug. Aber der
Hauptmagnet dieses Landes der Mitternachtssonne bleibt die Weite, die so still
sein kann, dass man plötzlich das Ticken seiner Armbanduhr vernimmt — eine
Verzauberung geht davon aus, der man sich gerne hingibt.
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