» Home

» Schwedisch

» Schweden

» Norwegen

» Verweise

» Impressum

Aquakultur in Norwegen

Genau genommen ist die Aquakultur viereinhalbtausend Jahre alt. Seit dieser Zeit betreiben die Chinesen Fischzucht in Teichen, und das erste Standardwerk unter den Sachbüchern zum Thema Fischereiwirtschaft stammt aus dem Jahre 475 vor Christus. Es beschreibt nicht nur die Vermehrung des Karpfens in Gefangenschaft, sondern auch, welch einträgliches Unternehmen die Karpfenzucht sei.

Bis zu Beginn unseres Jahrhunderts blieb der Karpfen der einzige Fisch, den der Mensch gezähmt hatte, den er vermehrte und als Haustier hielt. Einige Prachtexemplare im Charlottenburger Schlossgarten sollen über 120 Jahre alt geworden sein.

Die Fischzucht ist heutzutage einträglicher als einst im Reich der Mitte, und es muss keinesfalls immer Karpfen sein. In Nordeuropa, wo er hauptsächlich zwischen Weihnachten und Silvester auf den Tisch kommt, blüht das Geschäft mit anderen Arten. Die Verkaufsschlager sind gegenwärtig Lachs und Forelle, Edelfische, die einst wild in unseren Flüssen, in der Nord- und Ostsee lebten.

Heute beschert vor allem der Lachs den Fischzuchtanstalten ein Rekordjahr nach dem anderen, das gilt zumindest für Norwegen. Über 500.000 Tonnen Fische wachsen in abgesperrten Fjorden und in Netzkäfigen der Zuchtanlagen heran. 90 Prozent der in norwegischen Aquakulturbetrieben erzeugten Fische sind Lachse, 7 Prozent Fjordforellen und 3 Prozent Heilbutt und Kabeljau.

Das Geheimnis der Aquakultur ist die kontrollierte Intensivmast. Vorbei sind die Zeiten, da sich die muntere Forelle zuhauf im klaren Bächlein tummelte, da Herbst für Herbst die Flüsse lebendig wurden von ungezählten Lachsen, die aus dem Meer zum Laichen in ihren Heimatfluss zurückkehrten. Rücksichtsloses Überfischen, aber auch die Verschmutzung und Versauerung der Gewässer haben den Fischbestand drastisch vermindert, in einigen Gegenden sogar ausgerottet. Das ist nicht nur in Nordeuropa so, das gilt auch für Nordamerika und Kanada. Damit die Sportangler überhaupt etwas an den Haken bekommen, werden jährlich Millionen junge Lachse und Forellen ausgesetzt, die in Brutanstalten herangezogen wurden. Die Amerikaner haben errechnet, das sich die Mühe bezahlt macht. Für jeden Dollar, den die Aufzucht von Jungfischen kostet, fließen sieben Dollar Verdienst in die Kasse.

In den vergangenen siebzig Jahren wurde eine ganze Reihe von Fischen domestiziert. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie allesamt wie Rindvieh gezüchtet werden könnten, dass sie sich wie der Karpfen zum Mastfisch umbauen lassen. Viele seiner aktuellen Zuchtlinien haben mit seiner Wildform kaum noch etwas gemein.

Während der Karpfen sich in der Intensivhaltung nach einer Hormonbehandlung brav vermehrt, müssen bei Forelle, Lachs und Steinbutt in den Fischfleischfabriken Eier und Samenflüssigkeit immer noch von Hand abgestreift und vermischt werden.

Die meisten Fische, die aus derart künstlich befruchteten Eiern in Brutanstalten aufgepäppelt werden, erfahren nie, was Freiheit ist. Ein Lachs aus der Zuchtfabrik wandert in seinem Jugendgefängnis bestenfalls von einer Gemeinschaftszelle in die andere, bis er nach einem Jahr fit ist fürs Meerwasser. Sein wildlebender Bruder braucht zwei, drei Jahre, bis er im Salzwasser existieren kann. Den Rest seines Lebens fristet der Zuchtlachs entweder in einem abgesperrten Fjordarm oder in Netzkäfigen. Auf alle Fälle aber dicht gedrängt, wie Legehennen in den Hühnerbatterien. Da in Freiheit lebende Lachsfische in ihrem natürlichen Umfeld laufend Strömungen bewältigen müssen, ist man gezwungen, diese in den Zuchtbetrieben mit hohem Energieaufwand künstlich zu erzeugen. Dies ist um so wichtiger, als ein hoher Muskelanteil den Wert des Lachses steigert.

Fische, die in Silos, Tanks, Netzkäfigen oder ähnlichen Behältnissen auf engstem Raum ihrem Schlachtgewicht entgegen wachsen, müssen gefüttert werden. Der Lachs zum Beispiel, ein Fleischfresser, braucht Futter mit hohem Eiweißgehalt, wenn er gedeihen soll. Sprotten, Sardinen, Sandaale, stintähnliche Lodden, angereichert mit Garnelenschalen und Vitaminen sind nicht gerade billig, zumal er sie in großen Mengen verschlingt. Wer eine Tonne Lachsfleisch erzeugen will, muss zwanzig Tonnen Kleinfische verfüttern. Das Eiweiß der Kleinfische verwandelt sich also unter beträchtlichem Aufwand in das Eiweiß des Lachses, es wird veredelt.

So ist der Lachs weniger ein Hoffnungsträger der Welternährung als ein Luxusfisch und eine lohnende Investition. Denn die Küchenchefs der wohlgenährten nördlichen Erdhalbkugel schätzen ihn, gebeizt oder geräuchert, als delikates Horsd'oeuvre.

Was die weniger exklusiven Forellen betrifft, die sich ebenfalls von tierischem Eiweiß ernähren, so konnten die Futterkosten drastisch gesenkt werden. Normalerweise braucht eine Forelle sechs Kilogramm Frischfleisch, damit sie ein Kilogramm zunimmt. Dank neuartigem Trockenfutter liegen die Verhältnisse wesentlich günstiger. Für ein Kilogramm Gewichtszunahme ist nur noch ein Kilogramm Futter nötig. Außerdem gelang es, das relativ teure Fischmehl durch Eiweiße zu ersetzen, die bisher ungenutzt im Abfall landeten, durch Geflügelschlacht- und gekochtes Federmehl.

Mit dem Futter allein ist es aber längst nicht getan. Die Intensivhaltung ist diejenige Methode der Aquakultur mit den höchsten Unterhaltungskosten und mit dem höchsten Betriebsrisiko. Alle drei bis fünf Jahre rechnen die Fischfarmen mit einem Totalverlust durch Seuchen oder Parasiten. Ganz davon zu schweigen, was technische Pannen anrichten können. Die Haltung in Tanks und Silos ist ja nur unter Einsatz ausgetüftelter Apparaturen möglich, die dem Wasser ständig Sauerstoff zuführen, damit die zusammengepferchten Tiere nicht ersticken. Andere Vorrichtungen liefern frisches Wasser. Wenn diese Zufuhr unterbrochen wird, gehen die Tiere an ihren eigenen Ausscheidungen zugrunde.

Der Wasserverbrauch eines solchen Fischzuchtbetriebes ist entsprechend hoch. Walter Nellen hat folgende Rechnung aufgemacht: Wenn das Wasser im Behälter ständig mit Sauerstoff angereichert wird und der Durchfluss des Frischwassers einzig dem Abtransport der Stoffwechselprodukte dient, dann braucht man pro Minute einen Liter Wasser, damit in einem Jahr zwanzig Kilogramm Forellen produziert werden können. Für ein Kilogramm Forellenfleisch sind demnach 26 Kubikmeter Wasser nötig – oder: Mit dem gesamten Wasserbedarf einer Großstadt von 100.000 Einwohnern könnte man allenfalls 165 Tonnen Forellen pro Jahr erzeugen.

Der enorme Wasserverbrauch reduziert sich praktisch auf  Null, wenn man die Fische im Meer aufzieht, in Netzkäfigen, wie sie überall an den Küsten Norwegens und Japans zu finden sind. Die deutschen Küsten eignen sich für die Käfighaltung denkbar schlecht, denn in den wenigen Buchten, die in Frage kämen, ist das Wasser meist zu schmutzig.

In Norwegen liegen die Dinge anders. An geeigneten Standorten besteht kein Mangel, und noch ist das Wasser vor der Küste sauber. Obendrein sind die Temperaturen von Natur aus günstig, denn der Golfstrom erwärmt hier das Wasser des Atlantiks. Ein wichtiger Punkt, denn Fische sind wechselwarme Tiere. Bei niedrigen Temperaturen wird die Stoffwechseltätigkeit herabgesetzt, die Tiere fressen weniger und nehmen dementsprechend langsamer zu.

Bei derart idealen Voraussetzungen ist es kein Wunder, dass nicht nur die Fischfarmer auf Lachs und Forelle setzen, die Politiker tun es auch. Milliarden Kronen sollen in die Forschung gesteckt, das Verhalten der Fische in Freiheit und in Gefangenschaft studiert werden. Andere Projekte befassen sich mit den Techniken und Methoden der Aquakultur und möglichen Verbesserungen.

Aber wie der Lachs, sind auch Forelle, Steinbutt und andere Edelfische mit hohem Marktwert Nahrungsmittel der Luxusklasse. Den Hunger in der Welt werden sie nicht stillen, weil sie zu teuer sind. So zynisch es klingen mag, sie müssen den Hunger in der Welt auch gar nicht stillen. Die gegenwärtige Nahrungsproduktion reicht statistisch vollkommen aus, um die gesamte Weltbevölkerung satt zu machen. Dass trotzdem jeder zweite Mensch hungert, hängt mit der ungleichen Verteilung der Lebensmittel zusammen. Auch im hungrigen Süden der Erde gibt das Ackerland noch reiche Ernten. Nur wachsen dort meist Futtermittel, teures Obst und Gemüse, die für den Export bestimmt sind. Empfänger sind Europa und die Vereinigten Staaten, Industrieländer, die ohnehin im Überfluss leben, die regelmäßig Nahrungsmittel vernichten, um die Preise künstlich hoch zu halten.

Sitemap