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Nordlichter

Am häufigsten erscheint das Polarlicht in Form eines Vorhangs aus grünlich weißem Licht. Die Unterkante des Leuchtvorhangs hängt, gewöhnlich scharf begrenzt, in 100 Kilometer Höhe, und das Leuchten reicht mehrere hundert, ja bis zu 1000 Kilometer hinauf. Der Vorhang, der stets in ost-westlicher Richtung verläuft, erstreckt sich über Tausende von Kilometern. Dabei ist er nur wenige hundert Meter dick. Aus der Ferne sieht solch ein Lichtvorhang wie ein Bogen aus, der vom Horizont aufsteigt. Oft ragen bis zu zehn solcher Bögen in den Nachthimmel. Die Bögen können eine Zeitlang fast unbeweglich erscheinen, aber häufig bekommen sie senkrechte Falten. Sie lösen sich in geschwungene Bänder auf, die sich mit einer Geschwindigkeit von rund 100 Meter pro Sekunde bewegen.

Schließlich können sich isolierte Strahlen über den ganzen Himmel verteilen oder leuchtende, wolkenartige Flecke bilden. Karminrot leuchtet die Unterkante des Vorhangs. Mitunter breitet sich ein ausgedehntes dunkelrotes Glühen über eine große Himmelsfläche aus.

All diese Lichterspiele treten in einem ovalen Gebiet auf, das exzentrisch um die magnetischen Pole der Erde kreist. Diese Bewegung findet freilich nur scheinbar statt: In Wirklichkeit dreht sich die Erde, jeweils einmal am Tag, unter den Regionen hindurch, in denen Polarlicht entstehen kann. Die magnetischen Pole sind nicht mit den geographischen Polen identisch. Der magnetische Nordpol liegt nahe der Nordwestspitze Grönlands. So erklärt sich, dass die Grenzen der Gebiete, in denen Polarlichter häufig zu sehen sind, nicht durch bestimmte Breitengrade bezeichnet werden können. Während Europäer bis in den äußersten Norden Norwegens, über den 70. Breitengrad hinaus, reisen müssen, um gute Aussichten zu haben, das Polarlicht zu erleben, bieten sich in Kanada dieselben Chancen schon an der südlichen Hudson Bay am 60. Breitengrad.

Beide Erscheinungen - die magnetischen Stürme und die ungewöhnlich platzierten Polarlichter - treten auf, wenn Materie Zehntausende von Kilometern aus der Sonne herausgeschleudert wird. Von der Sonne strömen ständig, nach Ausbrüchen aber mit stark erhöhter Intensität, elektrisch geladene Atomteilchen bis in die Nähe der Erde. Dieser „Sonnenwind”, der aus negativ geladenen Elektronen und positiv geladenen Protonen besteht, wird durch das Magnetfeld der Erde daran gehindert, in die Atmosphäre einzudringen. Nur in der Nähe der erdmagnetischen Pole können Elektronen und Protonen auf Moleküle der Lufthülle treffen. Nur dort bieten die Kraftlinien, die in weitem Bogen von einem magnetischen Pol zum anderen laufen, einen Zugang zur Atmosphäre.

Die geladenen Atomteilchen gelangen allerdings nicht auf direktem Wege von der Sonne zur Lufthülle über den Polen. Das Magnetfeld der Erde ist, so haben die Wissenschaftler herausgefunden, durch den ständig strömenden Sonnenwind nach der der Sonne abgewandten Seite hin verzerrt; es besitzt gewissermaßen einen langen Schwanz. Elektronen und Protonen dringen am Schwanzende, wo das Magnetfeld schon sehr schwach geworden ist, ein und werden nun wie durch eine riesige Fernsehröhre zu den Polen geleitet. Während die Teilchen dort abwärts wirbeln, treffen sie auf Stickstoff- und Sauerstoff-Moleküle sowie auf atomaren Sauerstoff.

Die phantastischen leuchtenden Formen, die so eindrucksvoll als Polarlicht in Erscheinung treten, sind die Folgen solcher Zusammenstöße. So kann man das Polarlicht tatsächlich mit einem Fernsehbild vergleichen: Der Fernsehschirm ist mit einem Material beschichtet, das Licht abgibt, wenn es von einem Elektronenstrahl getroffen wird. Zum besseren Verständnis ist der Vergleich sicherlich gut. Doch angesichts des Polarlichts wird kaum noch jemand an Fernsehen denken.

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